Vollkommene Finsternis, der saure Geruch der Angst und das leise Scharren gieriger Klauen in der Dunkelheit. Obschon ich es mir vor wenigen Augenblicken selbst ausgesucht hatte, diesen Raum zu betreten, wünschte ich mir bereits jetzt, das ich es nie getan hätte. Die Augen weit aufgerissen stand ich in dem zwei oder drei Meter breiten Raum, wohl wissend, das die Bestie, die ich sonst nur durch die schwere Eisentür hindurch hörte, keine Armlänge von mir entfernt in der ewig währenden Nacht sitzen musste.
Obwohl dieses düstere Gemäuer zu meinem Heim gehört, tief unter der Oberfläche gelegen, ohne Fenster und mit nicht mehr als der dicken Eisentür und massiven, in den Wänden eingelassenen Ringen ausgestattet, hatte ich keine Ahnung, was genau mich in diesem Verlies meines Geistes erwarten würde.
Ha, Verlies. Ein Wort, das suggeriert, das ich völlig unter Kontrolle hätte, was hier eingepfercht ist, doch die Wahrheit ist, das mich weder die steinernen Mauern noch die stählerne Tür, von deren Dicke ich mich gern in den dunkelsten Nächten überzeuge mich wirklich vor der Kreatur schützen können, die hier in armdicken Ketten liegt. Ganz so als würde in meinem Keller ein ungeliebtes Kind leben hatte ich versucht, einfach weiter zu leben und das kleine dreckige Geheimnis für mich zu behalten. Doch ich sprach von Kontrolle über meinen ungeliebten Gast. Es gibt Wesen, deren Macht aus messerscharfen Klauen und Fangzähnen besteht. Meine Nachtmahr gehörte nicht zu dieser Art. Diese Kreatur ist pures Gift, gepresst in einen unheiligen Körper und von einer Stimme beseelt, die jede Distanz überbrückt und jede Hoffnung zersetzt.
Diese Stimme war es, die mich den Großteil meines Lebens verfolgt hatte. Egal, wie viele Türen und Steine ich zwischen mich und sie gebracht habe, sie hat lachend jedes schützende Kartenhaus zusammenstürzen lassen und mich nie aus ihrem Griff entlassen.
Und nun stand ich also mit diesem Monstrum auf engstem Raum, wissend, das es die Ketten nicht einmal spannen müsste, um mich zu erreichen. Was zur Hölle hatte mich dazu getrieben, hierher zukommen? Nun, zumindest diese Antwort muss ich mir nicht schuldig bleiben – die Hölle selbst. Jedes Wort dieser Kreatur, jede Stunde ihrer Existenz und jeder Augenblick in dem sich das Wissen ihrer Existenz wie ein schimmeliger Schleier über meine Welt gelegt hatte, diente im Endeffekt nur dazu, mich hierher in die Arme dieses Wesens zu treiben. Ist es nicht ironisch, das solche Erkenntnisse immer in dem Augenblick aufkeimen, in dem die Pforte zur Sicherheit krachend hinter einem zugefallen ist?
Obschon wesentlich leiser als der dumpfe Schlag, mit dem die Pforte ins Schloss zurückgefallen ist, erschreckte mich der erste Laut, den ich von dem Wesen vernahm zutiefst. Das leise Rascheln von Ketten, das geradezu in meinen Ohren explodierte und ein leiser, übelkeiterregender Klang – das Luft holen der Bestie. Ich hatte bereits oft in Büchern gelesen oder in Filmen gesehen, wie irgendein Monster – nehmen wir zum Beispiel einen Werwolf – in der Luft schnuppernd unweit des Versteckes des armen, wehrlosen Helden herum geschnüffelt hatte, aber erst in diesem Augenblick verstand ich zum ersten mal, was es bedeutet, nur eine Handbreit vom Verderben entfernt zu sein.
Lange lies der Schemen nicht mit einer Reaktion auf meine Anwesenheit mit sich warten „Nun, nun … wer beehrt mich denn da in meinem kleinen Reich?“. Diese Stimme. Gibt es eine Definition von Angst? Gibt es eine Definition von Verzweiflung und Resignation? Diese Stimme ist es. Ein durchdringender, Laut irgendwo zwischen Fingernägeln auf einer Schiefertafel und dem Geräusch reißenden Fleisches. Meine Lippen öffneten sich, Schweiß auf meiner Stirn. Meine rechte Hand klammerte sich fest um das kleine Streichholzheft, die einzige „Waffe“, die ich mit mir genommen hatte.
Meine Lippen öffneten sich, tausend Worte hinter meiner Stirn. Wie so oft in meinem Leben zuckten die Satzfetzen auch nun hinter dem Damm meiner Stimmbänder hin und her, darauf pochend den Weg ins freie zu finden aber beständig gegen die unsichtbaren Widerstände stoßend, die ich der Kreatur verdankte, die sich nun mit rasselndem Atem in der Dunkelheit aufsetzte. Mit jeder schlurfendem Bewegung, mit jedem Klang von feuchtem Fleisch auf Stein, wurde der süße Gestank der Verwesung überwältigender. Während sich mein Mund hilflos bewegte, unfähig Laute zu formulieren, fuhr die Bestie unbeirrt fort. „Na, Du Nichts? Was willst Du sagen, hmm? Was hast DU der Welt schon zu bieten? Ein paar lahme Worte?“ meckerndes Lachen. Völlige Hilflosigkeit. Ein Gefühl, das im Kopf beginnt und dann siedend heiß in den Körper hinunter fließt, jeden Funken der Gegenwehr versengt um uns schlaff und kraftlos zurück zulassen – die Knie gebeugt und den Kopf gesenkt – auf den Henker wartend.
„N-Nein …“ wie schwach und kraftlos dieses gestammelte Wort im Vergleich zu der flüssigen Aussprache meines Kontrahenten wirkte. „N-n-n-na was? Meine Güte, wer soll denn die Geduld haben, diesem blöden Gestammel zuzuhören? Aber keine Sorge Du Miststück, ich tu dir und der Welt einen Gefallen und sorg schon dafür, das Du die Fresse hälst, wie Du es tun solltest.“ Worte wie diese waren es, die ich seit Jahrzehnten in meinem kleinen Reich gehört hatte. Gift, das in jede Tat, jeden Gedanken und jeden Traum geflossen ist. Hinter meiner Stirn spielte sich unterdessen das alte, traurige Paradoxon ab – das Gefühl des völligen Krampfs, der die Worte zuverlässiger als jeder Korken in mir hält und das Wissen, das es diesen Krampf zu lösen gilt, wenn ich auch nur ein Wort hervorbringen will. Einzig meine Finger bewegten sich, spielten mit dem kleinen Streichholzbrief herum, der bereits glitschig von meinem Schweiß war. Ich glaubte zu spüren, wie der Nachtmahr den Kopf in der Finsternis herumwarf, ganz so, als könnte es sogar die Schläge meines Herzens hören „Was hast Du denn da, Du kleiner Schisser? Hast Du mir deinen Teddy mitgebracht, damit ich ihn kaue und ausspucke wie dein kümmerliches Selbstvertrauen?“ War da eine kleine Spur von Nervosität in den Worten des Wesens? Nein, unmöglich, immerhin war da nicht einmal die Spur eines Stotterns oder eines Zögerns in ihren Worten – ein klares Zeichen ihrer Selbstsicherheit. Und überhaupt, wie sollte ich hier einen Vernünftigen Gedanken fassen? Jede Angst meines Lebens tropfte von den klammen Wänden, ich wartete nur darauf, das mir dieses Monstrum an die Kehle sprang und alles, was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen hatte war ein „N-Nein…“? Großartig, meine verbalen Fähigkeiten waren verlässlich wie immer.
Meine Finger allerdings waren nicht so untätig. Egal wann in meinem Leben, ich spiele nahezu immer mit irgendetwas herum, so auch nun. Beständig klappte ich das kleine Stück Hoffnung auf und zu, fuhr mit dem Fingernagel über die kleinen, roten Köpfe und nahm die Wärme nicht einmal wahr, die sich unter meinen Fingerspitzen ausbreitete. Raschelnde Ketten. „Was ist das? Streichhölzer? Glaubst Du, Du kannst mich einfach verbrennen und vergessen? Pah, lächerlich. Gib mir nur fünf Minuten und Du denkst gar nichts mehr. Keine billige Hoffnung, keine verzehrende Angst und keine albernen Rückzieher mehr, mit denen Du dich ständig selbst zum Trott…“. Eine Supernova. Jedes Wort des Monstrums hatte meine Finger angespornt, die schneller und schneller über das Heft geglitten waren. Alles was aus dieser panischen Geste entsprungen war, war ein Funke, der einem Feuerwerkskörper gleich eine rauchige Bahn durch den Kerker hindurch zu Boden zog. Ich selbst hätte diesem kurzen Aufblitzen keine Bedeutung beigemessen. Seht Ihr, wenn sich das Denken auf das schlagen des eigenen Herzens im Ohr und das Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein reduziert, dann ist man ausgesprochen unempfänglich für subtile Hoffnungsschimmer. Worauf ich allerdings aufmerksam wurde war das plötzliche verstummen des Wesens. Verstummen ist hier allerdings nicht das rechte Wort, denn das letzte Wort ging in ein bösartiges Zischen über, das allein dazu ausgereicht hätte, selbst gestandene Männer in stammelnde Bündel zu verwandeln.
„Mach Dir nicht lächerlich, Du Narr!“ geiferte das Wesen, das mein Gesicht und meine Hände in seinem Zorn bei jedem Wort mit seinem brennenden Speichel benetzte. „Du kannst nicht einmal deinen Namen aufsagen, da wird dir auch ein lächerliches Feuerchen nichts nutzen. Blamier Dich nicht schon wieder selbst!“. Wir Menschen mögen großartig darin sagen, alles zu durchdenken und jede Entscheidung sorgfältig abzuwägen, doch in den Augenblicken, in denen sich unser Leben verändert sind es meist Herz und Geist, die die Entscheidungen für uns treffen und die unsere Hände leiten. So habe ich es wohl nicht meiner Intelligenz, auf die ich sonst so stolz bin, sondern meinem Wesen zu verdanken, das meine Finger wie von selbst eines der Streichhölzer fanden und aus seinem Gefängnis befreiten. Das Gebrabbel und Geschrei der Kreatur schwoll immer weiter an, doch obwohl es mich jederzeit hätte packen können verblieb es auf seinem Platz, während ich den Arm ausstreckte und das Streichholz scharrend an der Wand entlangriss. Ein Funke, noch ein Funke und schließlich das leise Geräusch, mit dem sich das Holz entzündete – eine kleine Flamme in der Finsternis.
Das zusammenhanglose Gestammel der Kreatur gipfelte in einem schrillen Crescendo, das ich erst jetzt, wo ich diese Zeilen zu Papier bringe, als Panik erkenne. Während die Flamme in meiner Hand die Konturen des Raumes aus der Finsternis riss, stockte mein Herz – würde ich überhaupt dazu in der Lage sein, den Anblick dieser Kreatur zu ertragen oder würde mein Geist einfach an dieser Bürde zerbrechen? Was ich dann aber sah war mordender Alptraum, kein zerstörerischer Nachtmahr und auch keine unbezwingbare Bestie, sondern … ein verkümmertes Ding.
Seine Züge wirkten entfernt menschlich. Es hatte einen Kopf, zwei Arme, zwei Beine und ungefähr die Größe eines Zwölfjährigen Wesens. Auf die Knie zusammengesunken kniete es auf dem Boden, den Rücken an die steinerne Wand gelehnt eilte der Blick der Kreatur ziellos von einer Ecke zur anderen, huschte über den Boden und fand mich doch nie direkt. Die Augen wirkten unnatürlich groß in dem Gesicht, das von filzigem, schwarzen Haar eingerahmt war. Die Lippen waren zu trockenen, grünlichen Spalten verfault. Der Mund, den sie umschlossen, brachte keine der ungezählten giftigen Worte zustande, die er so lange gespien hatte. Stattdessen hörte ich nur einen Klang, der mir allzu vertraut war – hilfloses Gestammel.
Was dieses Wesen aber wirklich von einem Menschen unterschied war die Haut, die über den verkümmerten Gelenken spannte, mit denen es nicht einmal einen einzigen Schritt hätte tun können. Anstatt rosigweicher Haut schien ein Meer auf der Haut zu wogen. Ein schwarzes Meer aus Pech, das mal um mal blasen auf der schmierigen Oberfläche warf.
Das erschreckende war der Umstand, dass das wogen und die Bewegungen nicht zufällig waren, sondern das sich mal um mal bekannte Bilder auf dessen Oberfläche bildeten, die messerscharfe Dornen durch mein Herz trieben. Im einen Augenblick glaubte ich meine Mutter zu erkennen, im nächsten Schneeflocken, die sich in langem Haar verfingen. Eine Gitarre, die Kontur eines schlacksigen, schwarz haarigen Jungen. Ein braunes Kordsofa in der Leere, zusammengepresste Lippen, sich abwendende Köpfe.
Dieses Wesen symbolisierte alles, was ich nicht war. Und allein diese Tatsache, diese Güte in meinem Herzen, trieb mich dazu, die Finger zu öffnen und das Streichholz fallen zu lassen.
Während ich mich abwendete fand das Feuer ein dankbares Heim in dem Haar der Kreatur, der jeder Klang genommen wurde und so ging ich im Schein des Feuers in meinen Geist hinaus, der zum ersten mal seit langer, langer Zeit glänzte.